Von Dummen und den Schlauen
Kaminabend bei General E. zu Hammerstein, ein intimes Treffen unter befreundeten Generalstabsoffizieren, gemeinsam waren Sie vor 20 Jahren auf dem Offizierslehrgang. Nach längerwährender Diskussion unter den Männern stockte die Konversation. Man hört wieder die Musik leise im Hintergrund spielen. Die Damen sind längst in die Küche ausgewichen, Geschirr klappert. Und in diese Leere improvisiert der Gastgeber, in dem beiläufigen Gestus, als würde er einen Holzscheit ins Feuer legen, einen Gedanken, den sein Mund für ihn zu sprechen scheint. „Es gibt vier Typen von Soldaten“ hebt er an. „Faule und fleißige, dumme und schlaue.“ Er hätte ebenso „So, So, sprach der Oberförster“ sagen können, die Kameraden reagieren nicht. Nun etwas bestimmter, setzt er fort:“Aber die Mischung macht den Unterschied. Wenn man diese Merkmale auf den Achsen eines Koordinatensystems aufträgt, kann man in dem hierdurch gebildeten Ereignisraum vier Archetypen lokalisieren. Die Blicke, die eben noch mit den residuellen Rotweinsedimenten in den geleerten Rotweingläsern befaßt waren, richten sich nun auf den General. Dieser setzt fort:“ Der dumme Faule ist harmlos. Er versteht zwar den Sinn seines Tuns nicht. Aber da er keine Initiative hat, kann er auch nichts kaputt machen“. Die vier Freunde schmunzeln wohlwollend. Sie denken, daß dies die Pointe gewesen sei. Aber der General setzte mit seinem Bild fort. „Der zweite Typ ist der Schlaue Fleißige. Intrinsisch motiviert, engagiert bis zur Selbstaufgabe, immer im Dienst der Sache…nicht wahr, lieber Freund Herbert? Bei Oberst i.G. Herbert verkrampfte sich etwas. Seine vielversprechende Karriere war nicht ganz wunschgemäß verlaufen. Sein besonderes Interesse am konzeptionellen Arbeiten hatte ihn an die Spitze des Qualitäts- und Vorschriftenwesens an der Schule der Technischen Truppe geführt, nun herrscht aber „Fin de Carriere“.. „Die dritte Kategorie, haltet Euch fest - jetzt kommen wir, das sind die Faulen Schlauen“. Lautes Gelächter. „Ja seht her: Groß denken, Blick fürs Wesentliche, cleveres Stellungsspiel, proaktive Kommunikation. Ja, so geht Karierre. Die Heiterkeit flaut ab. „Moment“ , sagt einer der Freunde, fehlt da nicht einer? Der Gastgeber kommt wieder in Fahrt. „Stimmt. Fehlt der Dumme Fleißige. Limitiert in Wissen und Können aber Felsenfest in seiner Selbstüberschätzung geriert er sich als Impulsgeber für alles, was sich gut anhört. Er verkauft dem Physik-Nobelpreisträger ein Perpetuum Mobile. Und er zieht sein Konzept durch, konsequent bis zur Havarie. Das macht ihn so gefährlich“. In diesem Moment kehren die Damen in den Salon zurück. Die Herren lassen die Worte des Gastgebers als gelungenes Schlußwort stehen, obwohl es auch Gelegenheit geboten hätte, über den Mann zu sprechen, den man wohl als Inkarnation dieses Archetypen betrachten darf.