Vom kompromißlosen Wollen
Zum vierten Mal bereits trat Dr. S bei seinem Chef-Chef und Mentor Dr. H. zu einer Unterredung über seine berufliche Karriere an. Dr. S. war bereits 32, 2 Jahre im Unternehmen und konnte schon einige bemerkenswerte Erfolge vorweisen, ohne daß er bei der jüngsten Restrukturierung mit der verdienten Beförderung belohnt worden wäre.
Zum Einstig machte ihm S ordentlich Druck. Dr. H., Typ „Elder Statesman“, war geübt darin, Heißsporne im Zaum zu halten. Er Eröffnete ein Thema gern mit einer Geschichte aus seinem Leben, ergänzt durch eine kluge Frage und genoß es, wenn seine Gesprächspartner die Lösung selbst fanden. H: „Wenn Sie wirklich Karriere machen wollen, dann werden Sie sie machen. Ganz sicher. Meine Schlüsselerfahrung war…. Sicher haben Sie auch schon einmal vor einem großen Angebot, der Chance Ihres Lebens, gestanden?“ S nickt. „Dann berichten Sie doch mal!“ „Hm, da war die Assistentenstelle beim Vorstand von S, wo ich abgelehnt habe. Dann das Angebot zum Wechsel in die Automobilindustrie. Dann die Unternehmensberatung A. Die Nachfolge des IT-Chefs unseres Geschäftsbereichs D“.
Dr. H runzelte die Stirn: „ Herr S, was waren denn die Gründe?““Hm, beim Vorstandsreferenten habe ich die Tragweite des Angebots nicht gesehen. Für die Unternehmensberatung fehlte mir die Traute. Auch waren alle Angebote fachfremd, dafür hätte ich mein Fach nicht studieren müssen. Und dann die Familie.“
“Herr S, wenige Leute können sich soviele Großchancen erlauben wie Sie. Im Gegensatz zum Durchschnitt laufen Sie nicht einmal um die Chance des Lebens, Sie können zu jeder Zeit weitere Angebote generieren. Die Gründe für das vermeintliche Stocken Ihrer Karriere liegt bei Ihnen selbst. Sie wissen, daß das Angebot im Geschäftftsbereich D von mir angebahnt wurde. Sie haben die Chancen entweder nicht verstanden, oder Sie haben für die Aufgabe nicht den Mut, oder Sie wollen nur dort Karriere machen, wo Sie sich fachlich zu Hause fühlen oder Sie sind nicht bereit, die Opfer zu bringen die die Aufgabe erfordert. Ich sagte, wenn Sie wirklich Karriere machen wollen, so ist mein Verständnis von Wirklichkeit ein Wirklich, das bedingungslos ist und das persönliche Opfer in Kauf nimmt. Und das erfordert eine gewisse Reife. Sie werden an diesen Punkt kommen, wenn Sie bereit sind , scheinbar unmögliche Aufgaben anzunehmen, oder solche, die Sie selbst noch nie gelöst haben, für die ihr tolles Studium obsolet wird oder für die Sie die geforderten Opfer nicht bringen wollen oder können.“
S: Aber unmögliche Ziele zu versprechen ist doch unseriös?“
H: „Nein, ist es nicht. Wer eine Führungsposition ausschreibt der weiß um wieviel Prozent die Erwartungen überzogen sind. Und Jedes Ziel ist verhandelbar. Jeder andere Kandidat trifft auf die gleichen Herausforderungen. Und dann müssen Sie noch die Frage beantworten; Wer sollte diese unmögliche Aufgabe, diese Zumutung, schaffen können, wenn nicht ich?“